Ökonomie & Philosophie

von Erkenntnistheorie bis Wirtschaftsethik

"Wie passen Volkswirtschaftslehre und Philosophie zusammen?"

Diese Frage wird mir häufig gestellt, aber beide Disziplinen sind eng miteinander verwoben. Von der Wissenschaftsphilosophie der Wirtschaftswissenschaften, die sich fragt, was Ökonomen genau erforschen, über die Ideengeschichte bis hin zu den Fragen der Wirtschaftsethik.

Seit meinem Studium fasziniert und begeistert mich dieses Feld.

 

Aufmerksamkeitsökonomik

Was ist Aufmerksamkeitsökonomik?

Bereits in meiner Doktorarbeit habe ich mich damit beschäftigt, dass wir in Industriestaaten, in denen alle Grundbedürfnisse gesättigt sind mit einem neuen Phänomen in der Ökonomie konfrontiert werden. Es gibt keine Knappheit an natürlichen Ressourcen, sondern unsere eigene Aufmersamkeit, d.h. unsere Fähigkeit Informationen aufzunehmen und korrekt zu verarbeiten, ist ein knappes Gut.

Unsere Aufmerksamkeit ist zur knappen Ressource geworden, weswegen ein immer größer werdener Teil der Wirtschaft sich damit beschäftigt, vom Marketing über Medienhäuser bis hin zu den Algorithmen in den sozialen Medien. Unsere Daten und unsere Aufmerksamkeit sind das Öl des 21. Jahrhunderts, sie sind der Treibstoff für breite Industriezweige.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Bereits in den 1970er Jahren hat der Ökonom Herbert A. Simon dazu gearbeitet. Und auch in Kenneth Arrows lesenswertem Buch "Limits of Organization" schreibt Arrow über Unmöglichkeit bei komplexen Organisationen auf alle Bestandteile gleichermaßen Acht zu geben.

Komplexe Verträge und ineffiziente Märkte

In meiner Doktorarbeit habe ich mich der Anwendung von Modellen beschäftigt, die versuchten menschliches Verhalten zu beschreiben, wenn in komplexen Entscheidungssituationen die Akteure nicht alle Informationen in Betracht ziehen, sondern sich auf Einzelaspekte fokussieren.

Mein vorläufiges Ergebnis war wenig verwunderlich: je komplizierter ein Anreizvertrag gestaltet wird, desto größer wird die Gefahr, dass ein Arbeitnehmer, der entscheiden muss, auf welche Bereiche er seinen Fokus legt, Fehler macht. Diese Gefahr wird so groß, dass ein sehr einfacher Vertrag mit einer Bonuszahlung einem komplizierten Vertrag vorzuziehen ist.

Schon seit Beginn der 2000er Jahre beschäftigen sich Ökonomen mit verschiedenen Problemen, die entstehen, wenn Individuen Informationen nicht vollständig verarbeiten können. Dadurch wurden die Effekte von komplizierten Produkten (Bündelung von Produkten wie bspw. Drucker und Druckerpatronen, oder vielfältige verschiedene Optionen bei Versicherungspolicen), von verdunkelten Produktdimensionen (zentrale Informationen von Produkten werden auf Vergleichsseiten nicht angezeigt) und einer Informationsüberflutung (unnütze Produkdetails wie Silikonanteile in Shampoos) erforscht.

Bis dahin galt die Hypothese, dass effiziente Märkte durch Wettbewerb die Angebote obsolet machen, die zu hohe Preise abrufen und die tatsächlichen Kosten verschleiern. Zumindest in der mittleren Frist. Jetzt ist deutlich, dass es möglich ist dauerhaft ineffiziente Marktgleichgewichte aufrecht zu erhalten, wenn genügend Konsumenten in ihrer Informationsverarbeitungsmöglichkeit limitiert sind.

Die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, werden dadurch zu wesentlichen Fragen, wie effizient ein einzelner Markt ist und ob Verschleierungstaktiken Erfolg haben können.

Soziale Medien und Algorithmen 

Seit der weltweiten Verbreitung von Facebook spielt Aufmerksamkeit eine zusätzliche Rolle in der Ökonomie von Soziale Medien, aber auch von traditionellen Medienhäusern. Dadurch, dass wir alle über unser Smartphone direkt mit einem breiten Medienangebot verbunden sind, nehmen diese Medien einen großen Teil unserer Tage ein.

Durch die Entscheidung die Algorithmen der sozialen Medien so einzustellen, dass Engagement (Bereitschaft mit Beiträgen zu interagieren) und Verweildauer die zentralen Metriken werden, werden wir von Nutzern der sozialen Medien zu ihren Produkten. Besonders polarisierende Inhalte werden weit verbreitet, damit wir mit diesen Inhalten interagieren und weiter auf dem Medium bleiben. Click-Bait, Rage-Bait, mit brachialen und subtilen Methoden wird versucht uns in den sozialen Medien, am Bildschirm zu halten.

Die realen Kosten zahlen wir in der Bildung von Blasen, die immer weniger mit der gemeinsam geteilten Lebenswirklichkeit in Kontakt kommen, mit massiven Selbswertproblemen bei Kindern und Jugendlichen, und der Unfähigkeit komplexe Sachverhalte auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit zu diskutieren und um Lösungen zu ringen.

Worüber ich gerade nachdenke

Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich noch kein überzeugendes Modell von Aufmerksamkeit und Komplexität gesehen. Als Volkswirt interessiert mich, ob es möglich ist einen zentralen Mechanismus zu formulieren, der die Vielzahl von verschiedenen Phänomenen, die ich in diesem Text benannt habe, miteinander verbindet und es ermöglicht eine "Gesetzmäßigkeit" zu konstatieren.

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